Beim FC Energie Cottbus gibt es weiterhin Probleme mit nazistischen Fans

Energiekrise in Cottbus

Rechtsextreme üben großen Druck auf die Fanszene des Fußballvereins Energie Cottbus aus. Dessen Führung und der Nordostdeutsche Fußballverband reagieren allenfalls zögerlich.
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Sportlich läuft es gut: Mit großem Vorsprung führt der ehemalige Bundesligist FC Energie Cottbus die Tabelle der Regionalliga Nordost an. Die finanzielle Lage des Vereins hat sich durch den Transfer von Maximilian Philipp zu Borussia Dortmund während der Sommerpause erheblich gebessert. Der ehemalige Jugendspieler des Brandenburger Vereins wechselte für knapp 20 Millionen Euro vom SC Freiburg zu den Westfalen. Knapp zehn Prozent der Ablösesumme bekommt Energie Cottbus. Doch der Haussegen hängt trotzdem schief. Vor allem die eigenen Fans bereiten der Vereinsführung Sorgen.

Mitte September verkündete die größte Cottbuser Ultragruppe, »Ultima Raka«, »für unbestimmte Zeit« ihren Rückzug aus dem Stadion. In ihrer Stellungnahme schrieben die organisierten Fans, sie sähen »nach Gesprächen mit anderen Akteuren über die zukünftige Ausrichtung der Cottbuser Fanszene leider keine Möglichkeit, unser Fandasein weiterhin frei nach unseren Vorstellungen auszuleben«. Trotzig fügten sie an, dass sie den Verein in der »bevorstehenden spannenden Zukunft begleiten« und ihm »auch in Sachen Aktion Ehrenamt« treu bleiben wollten. Am Ende des im Internet verbreiteten Textes verkündeten die Ultras, dass ihnen ihre »Liebe zum Verein« niemand nehmen könne.

Ungewöhnlich an der Erklärung der Ultragruppe ist, dass weder die sportliche Leitung noch die Vereinsführung als solche angegriffen werden. Vielmehr hatten die Fans Probleme mit anderen Anhängern des Vereins. Nach Angaben von Szenekennern ist der Grund für den Rückzug der wachsende Druck durch rechtsextreme Fans. Einer der Hauptakteure der Cottbuser Fanszene war bis Mai die Gruppe »Inferno Cottbus«. Sie löste sich auf, weil in der Öffentlichkeit die Verstrickungen in die örtliche rechtsextreme Szene thematisiert wurden. »Wir sind fertig mit dieser verschwörerischen Apparatur der Hetzerei«, schrieb die rechte Truppe in ihrer Auflösungserklärung und gerierte sich als Opfer: »18 Jahre für Energie Cottbus durch Deutschland und Europa – mit Leib und Seele, stets ohne Kompromisse. Demgegenüber stehend: 18 Jahre Verbot, Verrat, Verleumdung.«

Die ehemaligen Mitglieder von »Inferno Cottbus« forderten alle anderen Gruppen auf, in einem neuen, größeren Zusammenschluss aufzugehen. Die Regeln wollten die Rechtsextremen vorgeben.

Sofort nach der Auflösung der Fangruppe hatte die Polizei chaotische Zustände erwartet. Ines Filohn, die Pressesprecherin der Cottbuser Polizeidirektion Süd, sagte damals dem Spiegel: »Es wird viel mit Angst gearbeitet.« Die Probleme verschwänden mit der Auflösung nicht. Der Gruppe und ihrer Unterorganisation, der »Unbequemen Jugend«, sollen Szenekennern zufolge bis zu 150 Mitglieder angehört haben.

Nach Informationen der Potsdamer Neuesten Nachrichten war der Anlass für den Rückzug der Ultragruppe »Ultima Raka« ein Treffen von Vertretern der verschiedenen Cottbuser Fangruppen Ende August. Auf diesem forderten die ehemaligen Mitglieder von »Inferno Cottbus« alle anderen Gruppen auf, in einem neuen, größeren Zusammenschluss aufzugehen. Die Regeln in der neuen Allianz wollten sie selbst vorgeben. Durch diesen organisatorischen Kniff hätte die rechtsextreme Hooligan-Truppe erfolgreich das ihr auferlegte Erscheinungsverbot im Stadion umgangen. Darüber hinaus sollte die neue Sammelbewegung Schutz bieten. Ein erneutes Erscheinungsverbot wäre für den Verein schwerer durchzusetzen. Innerhalb der Fanszene wurde auch spekuliert, dass »Inferno« die neue Allianz als größere Plattform für ihre rechtsextreme Propaganda nutzen könnte. An solch einem Projekt wollten sich die Ultras von »Ultima Raka« nicht beteiligen.

Die rechtsextremen Umtriebe in der Cottbuser Fanszene sind kein neues Phänomen. Die Stadt in der Lausitz ist ein Zentrum rechtsextremer Aktivitäten. Nach Angaben des Verfassungsschutzes wurde in Cottbus fast jede fünfte der im vorigen Jahr in Brandenburg registrierten 167 rechten Gewalttaten verübt, in der Stadt gibt es demzufolge 145 Rechtsextreme. Karl-Heinz Schröter (SPD), der Innenminister von Brandenburg, bezeichnete das rechtsextreme Milieu der Stadt als »hochgradig gewaltorientiert«. Um dem Problem wirksam entgegenzutreten sei mehr als nur die Arbeit der Behörden nötig, nämlich »eine Ächtung der ganzen Region, der ganzen Stadt, hier muss es ein Abstoßen geben«.

Immer wieder wird dem Verein vorgeworfen, er gehe nicht entschieden genug gegen Rechtsextreme in seinen Reihen vor. Auf Anfrage zeigte sich die Vereinsführung äußerst überrascht von der Auflösung der Ultragruppe und verwies darauf, dass sie sich auch in Zukunft gegen »jegliche Form von Extremismus, Gewalt, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit« stellen werde. So sei für das kommende Jahr eine Stelle für »Vielfalt und Toleranz« geplant – nach Ansicht vieler Szenekenner ein längst überfälliger Schritt.

Dass auch der Nordostdeutsche Fußballverband (NOFV) ein Problem hat, rechtsextreme Umtrieben zu erkennen, zeigt sein Verhalten bei der Aufarbeitung der Cottbuser Fanrandale beim Regionalligaspiel am 28. April in Potsdam. Bei dem Auswärtsspiel gegen Babelsberg zeigten Cottbuser und Chemnitzer Fans nicht nur den Hitlergruß und grölten rechtsextreme Parolen. Das Spiel musste zwei Mal unterbrochen werden, da Cottbuser Anhänger den Platz stürmten. Im darauffolgenden Verfahren gegen beide Vereine verhängte das Sportgericht des NOFV 10 000 Euro Strafe gegen Cottbus und 7 000 Euro gegen Babelsberg. Den Einspruch von Babelsberg, in dem eine Berücksichtigung der rechtsextremen Provokationen gefordert wurde, wies der NOFV zurück. Der Verband behauptete sogar, in den Stellungnahmen der Vereine sei dieses Verhalten der Anhänger der Gastmannschaft nicht erwähnt worden. Beide Vereine hatten jedoch unmittelbar nach dem Spiel auf ihren Websites Stellung bezogen. So hieß es auf der Webseite des FC Energie Cottbus Anfang Mai, das Spiel sei »missbraucht worden, nicht, wie es so oft in den letzten Tagen behauptet wurde, von Energie-Fans, sondern von Kriminellen und Gewalttätern, die leider das Brandenburg-Derby für sich genutzt haben, um Straftaten zu verüben und politisch aktiv zu sein«. Als Täter ausgemacht wurden »Personen, die sowohl der losen als auch organisierten rechtsextremen Klientel zuzuordnen sind«.

Babelsberg wandte sich am 25. September in einem offenen Brief mit der Bitte um Unterstützung an den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel. Diesmal reagierte der NOFV schnell. Zwei Stunden nach dem Versenden des offenen Briefes erhielt Babelsberg ein Gegendarstellungsverlangen des Verbands.