Zu den Thesen des neuen Buches des »Unsichtbaren Komitees«

Die Schattenseite der Ideologiekritik

Das neue Buch des Unsichtbaren Komitees bietet die Gelegenheit, die linke Debatte über den G20-Gipfel mit den Mitteln der Philosophie zu kritisieren.
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Wenn die Interventionistische Linke (IL) auf die Straße geht, hat sie etwas von einem Teenager, der sich dem Haus­arrest seiner Eltern entzieht. Der unreife Charakter ihres Widerstands lässt sich nachlesen in ihrem Fazit zum G20-Gipfel. Die Hälfte dieses Textes mit dem Titel »Die rebellische Hoffnung von Hamburg« besteht aus pubertären ­Beschwerden, an Vater Staat gerichtet, von dem sie sich ungerecht behandelt fühlt, weil er die Polizei nach Hamburg geschickt hat; die andere Hälfte ist ein Ausdruck der trotzigen Freude, sich dieser Polizei widersetzt zu haben.

Die Regeln des Staates sind die Bedingung des von der IL so hoch gehaltenen »zivilen Ungehorsams«, der in Wahrheit ziemlich gehorsam ist. Man ist zu Tränen gerührt, wenn man Folgendes liest: »Die Woche des Aufbegehrens begann mit der Einschüchterung und der Drohung: Wir sollten nirgendwo sein. Nirgendwo schlafen, nirgendwo essen und auf 38 Quadratkilometern keine politischen Subjekte sein.« Wacker trotzten die politischen Subjekte der IL der Staatsmacht wie David dem Goliath. Was die IL denkt und macht, leiht sich seine Kraft von den negierten Verhältnissen. Auch den Riot im Schanzenviertel, von dem sie sich mehr oder weniger distanzierte, leitet die IL auf diese Weise aus den Handlungen der Polizei ab. Verkauft werden die Ausschreitungen als »spontane Antwort« auf die Polizeigewalt, was sachlich falsch ist und – das ist das entscheidende – den Aufstand in seiner eigenen Wahrheit entwertet.

Bei den Autoren handelt es sich um Anarchisten, die sich mit deutscher Ontologie aufgeputscht haben.

An der IL lässt sich ablesen, wozu negative Dialektik in den vergangenen 50 Jahren degeneriert ist: Die Linke ist nicht mehr in der Lage, über das Formulieren von Kritik hinauszukommen. Alle Aktionen sind nur Reaktionen. Das ist die Schattenseite der Ideologiekritik: Aus der negatio wird keine determinatio mehr.

Die IL will deshalb »über das politische Konzept des Insurrektionalismus« reden. Was eignete sich da besser als das neue Buch des Unsichtbaren Komitees, das diese Woche mit dem Titel »Jetzt« bei Nautilus erschienen ist.

Die entscheidende Stärke dieses Buches ist, dass es hat, was der IL fehlt: Wahrheitsfähigkeit. Wahrheit ist der zentrale Begriff des Buches. Warum ist das Komitee unter deutschen Linken so sagenumwoben? Es erinnert die Linke daran, dass sie die Trägerin der Wahrheit in der Geschichte ist, dass es eine solche Wahrheit entgegen des herrschenden postmodernen Dogmas überhaupt gibt. Der Mythos, der sich um das Komitee rankt, speist sich aus der Transzendenz, mit der es die Welt wieder überzogen hat. Diese steht im Gegensatz zu den kläglichen Versuchen hiesiger Demonstrationsaufrufe und den ebenso kläglichen antideutschen Kritiken daran. In Frankreich gelingt es, einen theoretischen und praktischen Überschuss zu erzeugen. Die deutsche Ehrfurcht ist daher berechtigt.

 

Kritik mit den Mitteln der Philosophie ist also angebracht.

Und doch handelt es sich bei den Autoren um Anarchisten, noch dazu um solche, die sich mit deutscher Ontologie aufgeputscht haben.

Ein Lesebeispiel wird das klarmachen: Die Wahrheit sei »lebendiger Kontakt mit der Wirklichkeit, die zugespitzte Empfindung der Gegebenheiten des Daseins«. Die Wahrheit wird hier vorgestellt als eine Unmittelbarkeit, die sich dem Empfänger ohne dessen Zutun gibt, der also die Vermittlung durch dessen subjektive Zutat fehlt. Die Revolution wird so zwar unter Wahrheitsbedingungen gestellt, diese werden aber durch ihre Entrationalisierung auch wieder entwertet: »Es sind nicht die Gründe, die Revolutionen machen.« Das Komitee lässt den einmal errungenen Ort der Wahrheit inhaltlich ungefüllt, es belastet ihn mit einer zu opaken Fülle, die ihn verstopft. So tendiert es in Richtung jener Postmoderne, der es eigentlich widersprechen will. Die IL ist davon nur der deutsche, also kantianische Abklatsch. Ihr fehlt das edelste Erzeugnis des Komitees, ansonsten hat sie viel gemeinsam mit der Unbestimmtheit der Franzosen.

Im Gegensatz zu diesen Kurzschlüssen, die den Anspruch auf objektive Wahrheit im Einklang mit der herrschenden Ideologie kurzerhand suspendieren, sucht der Materialist die Nega­tion der Philosophie mit philosophischen Mitteln. Die Einheit zu finden, ist dabei entscheidend. Die IL und das Komitee betonen den Widerspruch zu den Verhältnissen, denen sie sich gerne entziehen würden, um dem Einheitszwang zu entgehen. Dabei ist die Einheit noch das beste an den Verhältnissen. Dem dialektischen Materialismus wurde oft vorgehalten, er ignoriere die Nebenwidersprüche, doch war die Betonung des Hauptwiderspruchs niemals seine Hauptsache. Entscheidend ist ihm, was die Widersprüche zusammenhält. Das aber sind die Produktionsverhältnisse. Nicht von den rebellischen Subjekten, sondern von der Objektivität ausgehend formuliert der dialektische Materialismus die Wahrheit, die die IL nicht kennt und die das Komitee zu leicht hergibt.

Der Begriff der Vermittlung dient dazu, dem Bedürfnis nach Rebellion eine vernünftige Gestalt zu geben. In der Rebellion formuliert sich eine berechtigte Sehnsucht, die sich bereit ­erklären muss, den Stachel des Gedankens gegen sich selbst zu richten, falls sie sich und ihre Wahrheit nicht verraten will. Die sinnliche Gewissheit steht am Anfang der »Phänomenologie des Geistes«: Wer könnte leugnen, dass zu Beginn seiner politischen Kar­riere das Gefühl, in einer Gruppe Gleichgesinnter aufzugehen, eine große Rolle gespielt hat? Die antifaschistische Sekte, die in den Demonstrationsprozessionen die Transzendenz wirklich in ihrer Mitte hervorbringt, ist nicht in antideutscher Manier sou­verän abzukanzeln, sondern bei ihrer Wahrheit zu packen. Diese muss sich entwickeln, um sie selbst zu bleiben. »Der Wille, nicht sich abspeisen zu lassen, von Philosophie Wesentliches zu erfahren, wird deformiert durch Antworten, die nach dem Bedürfnis zugeschnitten sind, zwielichtig zwischen der legitimen Verpflichtung, Brot, nicht Steine zu gewähren, und der illegitimen Überzeugung, Brot müsse sein, weil es sein muss«, heißt es in Adornos »Negativer Dialektik«.

So viel Antimaterialismus steckt im Materialismus: Das Bedürfnis ist wahr, weil es der objektiven Einsicht in die Unvernünftigkeit der bestehenden Verhältnisse gemäß ist. Diese kontaminieren noch die innersten Bedürfnisse, selbst die, die sich ihnen widersetzen. Einzig diejenige Philosophie gelangt zu ihrem Ende, die sich gegen die Bedürfnisse der Subjekte richtet.

Damit die Kritik die richtigen Stellen trifft, muss sie sich selbst im kritisierten Gegenstand wiedererkennen. Sie muss in den brennenden Barrikaden ihre eigene Gewalt sehen, mit der sie als Argument die Welt überzieht. Der Weg zur Wahrheit beginnt mit der ­Rezeption, dem Gefühl, in das sie sich nach einer ganzen Reihe von Vermittlungen wieder zusammenzieht. Hegel bemerkt, das absolute ­Wissen gleiche keiner seiner Stufen mehr als der sinnlichen Gewissheit. Das heißt auch: Die Barrikade ist an sich die ausformulierte ­Kritik.

Selbst den Antihegelianern des Unsichtbaren Komitees rutscht, wenn sie über die Wahrheit des Aufstands schreiben, das hegelsche Wort »Moment« heraus: »Als Moment der Wahrheit ist der Aufruhr wünschenswert.« Der Aufstand ist so wenig wie die Politik die Wahrheit, die Sache selbst, und doch kann es ohne Aufstand keine Wahrheit geben. Zweifellos ist notwendige Bedingung der Wahrheit die Weiterentwicklung des Aufstandes. Aber nicht durch abstrakte Kritik.

In einer Gesellschaft, die zu keiner Positivität mehr kommt, haben sich die Spielregeln für kritische Theorie verändert. Die Kraft, die Adorno im Verzicht auf die Synthesis angelegt sah, weil er von der alles synthetisierenden Welt des Fordismus umgeben war, ist in eine sich auflösende, kaum noch verwaltete Welt übergegangen. In einer solchen Situation ist, um der Einheit des Geistes willen, der Kreis zu schließen: Brennende Barrikaden eher als ihre Kritik sind die Wahrheit über die bestehenden Verhältnisse.