Raoul Diagne war der erste schwarze französische Fußballnationalspieler.

Privilegierter Pionier

Raoul Diagne konnte als erster schwarzer französischer Fußballnationalspieler sowohl mit dem Ball als auch mit Klischees geschickt umgehen.

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Der Debütant machte ein solides Spiel an diesem Sonntag, dem 15. Februar 1931. Vor etwa 20 000 Zuschauern trat die französische Nationalelf im Stadion Yves-du-Manoir zum Freundschaftsspiel gegen die Tschechoslowakei an. Frankreich verlor die Partie mit 1:2, aber dem neuen Außenverteidiger bescheinigten die Kritiker eine ordentliche Leistung. »Diagne, der sein Debüt im Nationalteam bestritten hat, war im defensiven Teil seines Aufgabenbereichs durchweg exzellent«, schrieb das Magazin Football. Und merkte in einem freundlichen Verweis an: »Im Angriff hat er noch einiges zu lernen.«

Der 20jährige Raoul Diagne war nicht mehr als eine Randnotiz, als er seine erste Partie für die französische Nationalelf bestritt. Sein Äußeres spielte in den Berichten keine Rolle. Das ist erstaunlich. Denn Diagne, der erste schwarze Spieler im französischen Nationalteam, trug das blaue Trikot zu einer Zeit, als seine senegalesischen Landsleute in Frankreich noch in Zoos ausgestellt wurden. Das Gros des Publikums sah offenbar keinen Widerspruch darin, ihn zugleich als Nationalspieler zu bejubeln. Und so begann die erstaunliche Karriere von Raoul Diagne.
Von vielen nichtweißen Pionieren sind tragische Geschichten bekannt. Der Rassismus brachte manchen Spieler um seine Karriere, etwa den schwarzen Briten Jack Leslie, der 1932 fürs Nationalteam nominiert und dann wegen seiner Hautfarbe wieder ausgeladen wurde. Im spanischen und italienischen Nationalteam debütierten die ersten Schwarzen erst jeweils um das Jahr 2000.

Einmal ging er in Paris mit einem Geparden an der Leine spazieren.

Warum verlief die Karriere von Raoul Diagne anders? Viel später, zur WM 1998, erzählte er, seine Integration sei »ganz natürlich gewesen«. Und fügte hinzu: »Böse Kommentare habe ich kaum bekommen.« Die Berichte aus den dreißiger Jahren legen nahe, dass das stimmt. Die damalige französische Nationalelf war erstaunlich gemischt: gebürtige Algerier, Österreicher, Polen, Deutsche, und mit dem Senegalesen Raoul Diagne ein Schwarzer in einem westlichen Nationalteam. Fast überall anders wäre das undenkbar gewesen. Frankreich aber hatte ein Interesse daran, sich als Zivilisator der Wilden zu präsentieren, Kolonialausstellungen boomten in dieser Zeit. Und Raoul Diagne, Weitgereister, Lebemann, Exzentriker, wusste das zu nutzen.

Diagne war keineswegs unterprivilegiert. Sein Vater Blaise Diagne, geboren in bescheidenen Verhältnissen im Senegal, bekam durch Adoption Zugang zu höchster französischer Bildung. Er war ein Kämpfer und ein gewiefter Politiker und 1914 der erste Schwarze, der in die französische Nationalversammlung gewählt wurde. Der langjährige Bürgermeister von Dakar, verheiratet mit einer weißen Französin, wurde 1931 zum Unterstaatssekretär für die Kolonien ernannt. Hin- und hergerissen zwischen schwarzer Solidarität und weißen Gönnern war Blaise Diagne ein Profiteur des Systems (ein Kritiker nannte ihn abfällig »einen Franzosen, der zufällig schwarz ist«), aber auch ein Vorkämpfer für Schwarzenrechte. Er bestand darauf, dass »wir Franzosen sind und dieselben Rechte haben«. Er setzte sich für die vollen Bürgerrechte seiner senegalesischen Landsleute ein – allerdings handelte er zugleich aus, dass ungefähr 100 000 Afrikaner als Soldaten für Frankreich in den Krieg ziehen mussten. Raoul, der mit 18 Monaten nach Paris kam, war dank des Vaters ein privilegiertes Kind. Er wuchs auf in einer Welt von Luxusautos, Diplomatenreisen, Stars. Er besuchte die besten Schulen – und entdeckte dort seine Liebe zum Fußball.

 

Er spielte mit exotischen Klischees

1932, kurz nach Raoul Diagnes Debüt im Nationalteam, wurde in Frankreich der Profifußball eingeführt. Diagne ergriff die Chance. ­Vater Blaise, der seinen Sprössling eher als Politiker oder Bankier gesehen hätte, war der Überlieferung nach nicht begeistert von der Berufswahl des Sohns. Er weigerte sich zeitlebens, ein Spiel von Raoul live im Stadion zu sehen. Der Sohn aber blieb unbeirrt. Raoul Diagne machte Karriere bei Racing Club de Paris und verhalf dem Verein 1936 zu seiner einzigen Meisterschaft. 1938 wurde er der erste afrikanischstämmige Spieler, der an einer WM teilnahm.
Man darf sich Raoul Diagne als schillernde Figur vorstellen. Auf dem Feld war er zwar nominell Verteidiger, aber er konnte auf allen Positionen spielen. Sogar Torwart war er zeitweise. Abseits des Platzes genoss er das wilde Partyleben von Paris. »Er liebte es, am Montmartre zu feiern«, erinnerte sich sein National­elfkollege Alfred Aston später. »Er war ein sehr charmanter und fröhlicher Typ.« Raoul Diagne war bekannt mit den Größen seiner Zeit, von Jean Gabin bis Josephine Baker. Letztere nahm ihn manchmal sogar mit auf die Bühne; sie nannte ihn »mein kleiner Bruder«. Ihr verdankte er seinen Spitznamen »Josephine« auf dem Platz.

Raoul Diagne hatte ein Gespür für den spektakulären Auftritt. Die Aufmerksamkeit, die er bekam, war nicht frei von Vorurteilen. Er galt als »schicker Neger«, als Society-Ereignis. Der Historiker Jérôme Josse, der die Darstellung Diagnes in der Presse zwischen 1930 und 1940 analysiert hat, fand allerhand zeitübliche Tiervergleiche. »Schwarze Gazelle« oder »schwarze Spinne« wurde der 1,87 Meter große Diagne genannt, und ein Journalist resümierte: »Dieser Sohn Afrikas ist noch weit davon entfernt, zivilisiert zu werden.«

Raoul Diagne machte sich nach außen hin nicht viel daraus; er spielte mit den exotischen Klischees. Einmal ging er in Paris mit einem Geparden an der Leine spazieren. »Mein Vater hatte ihn bei einer Reise in den Senegal geschenkt bekommen«, sagte Diagne später nonchalant über sein Haustier. »Er hieß Rosso und war nicht bösartig.« Die Pariser waren hin- und hergerissen zwischen Faszination und wohligem Grausen.
Diagne selbst blieb das Herkunftsland Senegal zeitlebens fremd. Zwar ließ er seine Karriere dort ausklingen und trainierte Anfang der sechziger Jahre kurzzeitig die neu gegründete senegalesische Nationalelf, was ihm den Spitznamen »Großvater des senegalesischen Fußballs« einbrachte. Aber nach nur einem Jahr kehrte er nach Frankreich zurück und lebte dort bis zu seinem Tod 2002.

Während der WM 1998 erhielt Raoul Diagne noch einmal Aufmerksamkeit. Das Klima hatte sich verändert: Man hatte den Symbolcharakter der Schwarzen in der französischen Nationalelf entdeckt. Sie waren die Multikulti-Abziehbilder, die gesellschaftliche Spannungen übertünchen sollten, sie waren die Feindbilder der strammen Patrioten und der Le Pens. Diagne blieb Individualist und Exzentriker. Seine Familie hinterließ Spuren auf beiden Kontinenten: ­Vater Blaise Diagne ist weiterhin im Senegal enorm populär; der neue Flughafen von Dakar soll seinen Namen tragen. Raouls Neffe, der ebenfalls Blaise hieß, ging auch in die Politik, aber nicht im Senegal – er war 15 Jahre lang Bürgermeister von Lourmarin in Südfrankreich.