Virginie Despentes: »Das Leben des Vernon Subutex«

Ungewollte Biographien

Psychologie erklärt nichts in Virginie Despentes’ Geschichte vom sozialen Abstieg des ehemaligen Plattenhändlers Vernon Subutex.
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Jeder soziale Abstieg ist traurig. Für Männer ab 40 aber führt ein solcher Abstieg häufig in die finale Auflösung der Biographie. Virginie Despentes erzählt im ersten Band ihrer Romantrilogie »Vernon Subutex« das unmerkliche und unaufhaltsame Verschwinden einer Existenz. Es ist eine Geschichte darüber, wie aus Menschen Wracks werden, überrollt vom Zwang zur Anpassung, eine Geschichte verlorener Träume der im Ausweglosen eingerichteten Punks und Rocker der achtziger Jahre, der ansteckenden Isolation, der Kälte, der Mitleidlosigkeit, der Resignation und der Angst; infiziert davon sind alle, die sich doch nichts sehnlicher wünschen, als geliebt zu werden und zu lieben, begehrt zu werden und zu begehren.

Despentes’ Hauptfigur liefert fast klassische Stereotype der Subkultur. Vernon Subutex, ehemaliger Besitzer eines Plattenladens, überrollt vom »Napster-Tsunami«, wird erst klar, dass er in der Scheiße steckt, als diese ihm bis zum Hals steht. Zwei Jahre lebt er vom Verkauf seiner Besitztümer seines Lebens via Ebay, schränkt sich ein, isst weniger, raucht weniger. Halbherzige Bewerbungen auf Stellen und Praktika führen zu nichts, sein Metier ist nicht gefragt. Als ihm die Sozialhilfe gestrichen wird, merkt er, dass es langsam eng wird, aber er kann sich nicht aufraffen. Es ist einsam um ihn, das soziale Umfeld des Plattenladens ist verschwunden, seine alten Musikerkumpels hat er aus den Augen verloren. Einladungen nimmt er nicht mehr an, seit er keinen Wein mehr mitbringen kann. Mit den Frauen läuft es auch nicht mehr. Er verbringt seine Zeit im Internet, auf Facebook und auf Pornoseiten.

Der Tod eines Freundes, des Popstars Alex Bleach, der ihm zuletzt die Miete bezahlt hatte, versetzt ihm den entscheidenden, aber schon vorhersehbaren Schlag: Vernon fliegt aus der Wohnung. Zunächst kommt er noch bei Bekannten unter, mal für eine Woche, mal für eine Nacht. Der Empfang ist wenig herzlich. Er erfindet Stories, die ihn nicht ganz so verzweifelt erscheinen lassen, denn Verzweiflung schreckt ab. Schließlich ist Vernon mit der un­abweisbaren Tatsache konfrontiert, dass er fortan auf Parkbänken schlafen wird.

Die unfeministische Feministin Virginie Despentes ist hierzulande bekannt vor allem für die von ihr selbst inszenierte Verfilmung ihres ersten Romans, »Baise-moi« (»Fick mich«, 1993), einer gnadenlosen Rape-Revenge-Geschichte, in der zwei junge Frauen aus Rache, einem nicht recht greifbaren Lebensüberdruss und mit zunehmender sexueller Lust am Erniedrigen und Töten auf blutige Mordtour durch Frankreich gehen. In »Vernon Subutex« ist Despentes weniger brutal und ihren ­Figuren gegenüber zartfühlender. Explizite Sexszenen kommen nicht mehr vor, was wohl in deutschen und französischen Feuilletons die Neigung zu begeisterten Besprechungen von »Vernon Subutex« begünstigt hat. Beiden Romanen ist ­jedoch die unpsychologische Betrachtung der Figuren gemeinsam, die in »Baise-moi« vielfach als unglaubwürdig bemängelt wurde. Zwar werden die zahlreichen Figuren, die in »Vernon Subutex« wie in einer Fernsehserie (die Trilogie ist in Frankreich gerade als Mehrteiler in Arbeit) nacheinander auftreten, durchaus introspektiv gezeichnet, aber die Psychologie erklärt nichts. Die Figuren verstehen sich selbst nicht, sind etwas Gemachtes, haben Biographien, die sie nie wollten. Vermittelt über ihre Hasstiraden und verzweifelten Gedanken zeigt sich der eigentliche Protagonist des Romans: das alle Beziehungen durchdringende Tauschprinzip, das die Unnützen ausspeit und Liebe unmöglich macht. Vernon hat sich unter den logischen und doch unerwarteten Schicksalsschlägen dieses Prinzips damit abgefunden, zum erstaunten Zuschauer seines eigenen Lebens zu werden.

 

Der weibliche Körper als Kampffeld

Trotz der männlichen Hauptfigur betont Despentes auch in diesem Roman besonders die weiblichen Figuren, die mit dem Älterwerden und der schwindenden körperlichen ­Attraktivität zu kämpfen haben. Der weibliche Körper ist ein Kampffeld. Einigermaßen glücklich sind in dem Roman einzig diejenigen, die sich diesem heterosexuellen Spiel ohne Gewinner entzogen haben: ehemalige Pornodarstellerinnen, Lesben und Transsexuelle.

Der Name Subutex, Handelsname eines Substitutionsmittels für Heroinabhängige, ist leitmotivisch für den Roman: Das Substitut, das Unechte herrscht, wo es nur Tauschbeziehungen gibt. Von der Internetpornographie, mit der Vernon seine Sehnsucht nach Liebe und Begehren substituiert, über den permanenten Schein des Erfolgs, den alle aufrechtzuerhalten suchen. Und während Vernon auf der Straße friert, ist er auf Facebook ein gesuchter Star, weil die halbe Welt den letzten Aufzeichnungen des Alex Bleach hinterherjagt, die Vernon bei sich trägt, ohne ihnen großen Wert beizumessen.

Glücksmomente liefert nur noch das Unechte: Der zufriedenste Mann ist ein ehemals weibliches Pornosternchen, das seinen Körper nie als seinen eigenen wahrgenommen hat, und die schönste Frau von allen, mit der Vernon zum ersten Mal eine vollkommene Liebe erlebt, ist eine transsexuelle Brasilianerin. Erlösung jedoch wartet einzig in der Musik: Wenn Vernon Platten auflegt, ist er ein Mensch. Der depressive Popstar Alex Bleach glaubte, bestimmte Frequenzen gefunden zu haben, mit denen man die Menschen manipulieren könne. Ein seltsamer Aufschein des Glücks vermittels der Eigenfrequenz der Körper, wo die Seelen bereits resigniert haben. Vollendete Fremdbestimmung als Möglichkeit ihres Endes?

Ganz nebenbei ist »Vernon Subu­tex« auch eine Art Kriminalroman. Und, so viel sei verraten, der erste Teil ist nur der Beginn einer Reise, die Vernon Subutex noch in ganz andere Sphären führen wird. Doch auf die Fortsetzung muss die deutsche Leserschaft noch bis zum nächsten Frühjahr warten.

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex. Aus dem Französischen von ­Claudia Steinitz, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 400 Seiten, 22 Euro