Der letzte linke Kleingärtner und die Ernährung der Welt

Allein unter Ökos

Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 32
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KRGeschafft. Endlich ist das »Still und starr ruht der See«-Gedudel zu Ende. Ein Kleingärtner ist von Amts wegen viel gewohnt und muss in seinem Garten die härtesten Prüfungen über sich ergehen lassen. Aber Ende Dezember muss er fürwahr an seine Grenzen gehen. Ob der winterlichen Ruhe im Garten mögen manche ­vermuten, es sei Zeit für eine naturromantische Betrachtung und für selbstgemachte deutsche Naturlyrik. Aber von wegen Ruhe im Garten.

Die ist rein äußerlich. Innerlich bin ich erwartungsvoll und scharre schon mit den Füßen. Ein Gemüsegarten ruht nie. Die vermeintliche Gartenstarre ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Stürme gibt es in dieser Jahreszeit viele. Hier geht es aber um die stürmischen Betätigungen des Kleingärtners, die im Frühjahr beginnen und gut vorbereitet sein wollen. Ohne Plan funktioniert kein Gemüsegarten, ohne Plan kein Ertrag. Zurzeit grübelt der Kleingärtner schon heftig: Wo kommen die Bohnenstangen hin, wo die Kartoffeln, wo das Weiß-ich-was-Gemüse. Alles will wohlüberlegt sein, damit der Ertrag stimmt. Man pflanzt – von Tomaten abgesehen – eine Pflanzensorte nicht zwei- oder dreimal an dieselbe Stelle. In dieser Zeitung erscheint ja auch nicht über drei Ausgaben hinweg das gleiche Titelbild. Bei all diesen Überlegungen bin ich als Kleingärtner mutterseelenallein mit meinen vier Hühnern. Die verstehen mich in dieser kalten Winterzeit, was logisch ist, da ich schließlich ihre Lebensversicherung bin und sie täglich füttere. So erkauft sich unsereiner, wie im richtigen Leben, Zuneigung. Wessen altes Brot das Huhn isst, dessen Lied gackert es.

Fernab des Kleingartens findet in Berlin am übernächsten Wochenende wieder die alljährliche Demonstration der Ökos unter dem Motto »Wir haben es satt« statt – für eine nachhaltigere Landwirtschaft und so. Da herrscht für mich als Kleingärtner Anwesenheitspflicht. »Wer die Nahrung kontrolliert, kontrolliert die Menschen«, soll Henry Kissinger, der ehemalige US-Außenminister, gesagt haben. Ob das stimmt oder nicht – es handelt sich bei der Aussage nicht um eine Verschwörungstheorie, sondern um das immer noch gültige Leitbild der Landwirtschaftspolitik, um eine klare politische wie wirtschaftliche Vision. Die fehlt heutzutage vielen Ökos, die keine politische oder gar ökonomische Analyse betreiben und stattdessen auf private Konsumveränderung setzen und auf Appelle und Petitionen an Parteien und Agrarmanager.

Dennoch geht es um wichtige Themen, die nicht dadurch schlecht werden, dass Ökos mitmischen. Es stimmt nämlich: Die Landwirtschaft ernährt die Welt; kein Mensch müsste verhungern, da seit Jahrzehnten genügend Nahrungsmittel produziert werden. Und es stimmt, dass Mischanbau leistungsfähiger ist als Monokulturen. Aber wo hört Vielfalt auf und wo fängt Monokultur an? Alles nicht so einfach. Die Landwirtschaft in Paraguay ist beispielsweise auf Sojaanbau ausgerichtet, die gewaltsame Enteignung von Kleinbauern gehört zum Geschäft. Mit dem billigen Soja als Tierfutter kommen Bauern in Europa mehr schlecht als recht über die Runden und produzieren den politisch gewollten Überschuss an Milch. Diese wird als Kondensmilch und Milchpulver nach Westafrika exportiert und zwingt im Senegal und anderswo Bauern zur Aufgabe ihrer Höfe. Auch eine Form von globaler Nachhaltigkeit. Dagegen helfen weder Moral noch Online-Petitionen.

Wenn man bei diesem »Wir haben es satt«-Gedöns mitmischt, ist man als Linker schnell allein unter lauter Ökos. Gut, die Ökos scheinen gesunde Menschen zu sein, essen nur selten Fast Food, haben keine oder nur wenige Laster. Man könnte meinen, sie ­seien durch und durch gesunde Menschen. Oettinger-Bier kommt da nicht in die Tüte oder in den Einkaufswagen. Ups, das war wohl product placement. Aber »Oettinger« steht nur für die Laster dieser Welt, die einem das Leben angenehmer machen. Gut, dass es mir noch rechtzeitig aufgefallen ist.
Ich hatte mir sogar überlegt, ob ich die Ökos nicht beglücken und mich mit zwei Fässern Apfelwein, der für mich »Viez« heißt, an der Demonstrationsroute postieren und ihn glasweise verkaufen sollte. Damit würde ich mächtig für Stimmung sorgen, könnte eine von mir spontan initiierte sinnentleerte Online-Petition für das »Recht auf Rausch« bewerben und meine Einnahmen verbessern. Aber nichts da, der Viez bleibt in meinem Keller. Den trinke ich mit Freunden oder allein. Da lasse ich keinen Öko ran. Das ist mein Rauschmittel.