Homestory #02

Wintersport. Die Antworten auf die Frage, wer den dieses Jahr bereits schon, lange nicht mehr oder sowieso noch nie betrieben hat oder es noch vor hat, welchen zu betreiben, fallen in der Redaktion der Jungle World doch vergleichsweise heterogen aus. Einem – vielleicht gar nicht so überraschend – großen Teil fällt dabei einfach nur die Kinnlade herunter. »Ich?« entgegnet der Kollege beim Feuilleton entgeistert. Wie abwegig ist das denn. Ähnlich der Kollege im Ausland. »Wintersport, Frühjahrssport, Sommersport, Herbstsport – Selbstmord,« heißt es da, während sein Pendant vom ­Inland mit dem akkurat frisierten, schwarz-grau melierten Hipsterbart smart behauptet: »Ich halt’s mit Churchill«, und dazu frech die Hand zum Victory-Zeichen erhebt.

Anzeige

Ein bisschen anders sieht es bei denen aus, die zwar einmal Wintersport – zumeist in Form des guten alten Abfahrtsski – betrieben haben, aber schon länger nicht mehr betreiben und dies auf absehbare Zeit wohl auch nicht wieder tun werden. Manche »wegen der Umwelt« (Layout), andere »weil’s zu teuer ist« (Geschäftsführung). In Berlin, so hört man schon mal, schneie es ja ohnehin so gut wie nie. Und falls doch, sei die Stadt so bedauerlich flach, dass ja in bester althergebrachter Berliner Großmäuligkeit die benachbarte Mini­erhöhung zu »dem Kreuzberg« und die putzige Hügellandschaft am Stadtrand zum »Müggelgebirge« hochstilisiert werden müssten, damit man wenigstens hin und wieder darüber lachen könne. Es ist ja auch wirklich schwer zu ertragen, dass so blöde Städte wie München oder Freiburg es diesbezüglich so viel besser haben.

Die Themaredakteurin kann über so viel Defätismus nur ungläubig den Kopf schütteln. »Die haben doch wieder keine Ahnung«, sagt sie und verweist auf all die genialen und skurrilen Nischenwintersportarten wie »Snowskaten«. Im Grunde einfach Skateboarden ohne Rollen auf dem in Berlin immerhin manchmal vorhandenen Schnee. Man kann alle üblichen Skateboard-Tricks einsetzen und sich mindestens so übel verletzten. Davon zeugen zahllose Videos auf Youtube. Traditioneller geht es schon bei der Kollegin am Arbeitsplatz schräg gegenüber zu. Die wird im Februar richtigen Skiurlaub in Österreich machen. Bedenken wegen der Umweltzerstörung oder der faschistischen Regierungsbeteiligung hat die Auslandsredakteurin hingegen keine: »War ein Geschenk von Papa.« Da kann man natürlich schwer nein sagen.

Aber Moment, da gibt es doch noch einige, die tatsächlich von sich behaupten, in diesem Jahr schon Wintersport gemacht zu haben. Wenn auch bei den meisten der Begriff des Wintersports recht kreativ ausgelegt wird. »Ich war schon in einer Schneeballschlacht«, behauptet der Praktikant. Allerdings gerade einmal zu viert. Zählt das überhaupt? Richtig cool hingegen die Feuilletonredakteurin – sie war dieses Jahr schon auf einen Skisimulator. Im Fitnessstudio. Was es nicht alles gibt.