David Byrnes frohe Botschaft: Das neue Album »American Utopia«

Der Gutmensch

Müde von all den schlechten Nachrichten in den Zeitungen hat sich David Byrne, ehemals Sänger der Talking Heads, an die Arbeit gemacht. Herausgekommen ist das Album »American Utopia«, das streckenweise schlageresk klingt und das Positive in den Pop zurückbringen will.

Haben Sie heute etwa schlechte Laune? Machen Sie es doch so wie David Byrne. Stehen Sie früh auf, kochen Sie sich einen Kaffee und lesen Sie eine Stunde lang im Bett ihre Lieblingszeitungen. Wichtig dabei ist: Überblättern Sie all die Hiobsbotschaften, die negativen Nachrichten, die Artikel über Krieg, Gewalt, Misogynie und die andauernde Rechtsentwicklung. Konzentrieren Sie sich ­dieses eine Mal nur aufs Positive. Denn in Zeitungen stehen auch gute Nachrichten. David Byrne hat sie ­gesammelt. Die guten Nachrichten fanden nicht nur Eingang in seinen Vortrag »Reasons to Be Cheerful«, mit dem er um die Welt tourt, sondern auch in sein neues Album »American Utopia«.

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Der frühere Sänger und Gitarrist der Talking Heads konzentriert sich ohnehin schon seit Jahren nicht mehr ausschließlich auf seine Musik. Eine New-Wave-Ikone war er lange genug, 2002 wurde die Band rund zehn ­Jahre nach ihrer Trennung sogar in die Rock and Roll Hall of Fame auf­genommen. Doch heute, mit 65 Jahren, schreibt Byrne genauso gerne Bücher wie Filmmusik und steigt anstatt in Limousinen lieber auf sein Fahrrad, um durch New York zu radeln. Dabei lacht er sein einnehmendes, verschmitztes Lachen, während die weißen Haare durch die Luft wirbeln, wenn sie nicht gerade unter einem Helm verschwunden sind.
Wenn David Byrne in der Öffentlichkeit auftritt, dann wirkt er heiter. Diese Heiterkeit ist wichtig, gerade jetzt, wo es doch so viele

Gründe dafür gibt, sich zu ärgern oder gar zu fürchten. Da ist es nur konsequent, dass sein Vortrag »Reasons to Be Cheerful« genau mit jenem Fahrradthema beginnt, das ihn so erfreut. Im weiteren Verlauf kommt er auf all die Entwicklungen zu sprechen, die den Menschen nicht zerstören, sondern ihm zugutekommen. Bike-­Sharing, Busspuren in Großstädten, funktionierendes Recycling toxischer Abfälle, betreute Fixerstuben, die Dekriminalisierung von Drogen in Portugal, um nur einige Beispiele zu nennen. Natürlich sind all das nur punktuelle Verbesserungen, aber der große Wandel beginnt nun mal immer im Kleinen. Byrne hat solche Entwicklungen nicht nur aufgelesen, sondern auch genau recherchiert. In einem Mitschnitt seines Vortrags an der New Yorker Universität The New School sieht man ihn vor den Zuschauern stehen. Ganz ohne Gitarre natürlich, dafür mit einer Powerpoint-Präsentation an der Wand hinter sich. Sie belegt all seine Beobachtungen mit Zahlen und Bildern. Er lacht, als er da vorne steht, und die Zuschauer lachen mit.

 

Glücklicherweise verzichtet Byrne darauf, ein rein positives Musikmantra zu kreieren. Zwar zeichnet er ein utopisches Bild, doch immer bleibt er nachdenklich, schließlich wird er sogar melancholisch.

 

Im Vorlesungssaal erschafft er so etwas, das selten ist: Eine Blase des Positiven. Glücklicherweise ist Byrne aber Realist genug, um nicht zum esoterischen Glücksprediger zu verkommen. Er ist sich durchaus der unzähligen Probleme bewusst, die noch nicht gelöst wurden und die schon gar nicht ignoriert werden sollten. Ihm scheint es aber vor allem darum zu gehen, die funktionierenden, fragmentarisch kleinen, über die ganze Welt verteilten Lösungsansätze für essentielle Probleme der Menschheit in den Vordergrund zu stellen. Denn die bekommen medial zu wenig Aufmerksamkeit, gehen unter im Überfluss des Negativen. Eine weitere gute Nachricht dabei ist: Byrne ist ein leidenschaftlicher Gutmensch, aber keine Karikatur ­eines Aktivisten wie etwa der U2-Sänger Bono.

Noch eine erfreuliche Nachricht ist, dass Byrne 14 Jahre nach »Grown Backwards« wieder ein Soloalbum veröffentlicht. Seine seit 2004 ver­öffentlichten Platten waren allesamt Teamprojekte. Sie funktionierten mal gut, weil sie von einer belebenden Funkyness angetrieben wurden (»Love This Giant« mit St. Vincent) und mal schlechter, weil sie ins Schlagereske abdrifteten (»Everything That Happens Will Happen Today« mit Brian Eno). »American Utopia« liegt irgendwo dazwischen und ergänzt den theoretischen Vortrag durch poetische Erzählungen über die allgegenwärtigen Mikroprobleme im Makrokosmos namens Erde.

Glücklicherweise verzichtet Byrne auf dem Album darauf, ein rein ­positives Musikmantra zu kreieren. Zwar zeichnet er ein utopisches Bild, doch immer bleibt er nachdenklich, schließlich wird er sogar melan­cholisch. Dann beschreibt er auf dem Song »Bullet«, wie eine Kugel einen menschlichen Körper durchbohrt und ihm vermutlich den Tod bringt. ­Diese verstörende Schilderung singt er allerdings ganz zart, dann sogar hauchend mit seiner rauchiger Stimme, denn Wut und Aggression bleiben bei Byrne im Verborgenen. Es scheint fast so, als hätte er beides ­abgelegt, um sich von derartigen Gefühlszuständen nicht lähmen zu ­lassen.
Byrne geht es nicht um das Niederschreien, sondern um das Animieren der Vorstellungskraft seiner Hörer. Er möchte, dass sie die Augen schließen und sich Gedanken machen: über Einsamkeit zum Beispiel. Vor allem aber soll sich jeder eine bessere Welt herbeiimaginieren. Vorgaben macht Byrne dabei nicht. Er ist kein Dogmatiker. Sein Album ist voller Fragen, doch beantworten muss sie der Hörer selbst.

Das Stellen von Fragen, die Poesie der kurzen Erzählungen und der ­variantenreiche Gesang sind die großen Stärken des Albums. All jene Songs, in denen sich die Klänge übereinander schichten und die Perkus­sion innerhalb des Takts enthemmt herumhampelt, funktionieren als ­ästhetisches Gesamtpaket. Sogar eine Harfe und eine Mundharmonika ­erklingen und erweitern das Repertoire der Stile (unter anderem Funk, New Wave und Indie-Rock), die Byrne zusammenkommen lässt. Doch dem gegenüber steht auch großer Quatsch, der seine Utopie ins Wanken bringt. Denn David Byrne hat leider eine Schwäche für Tiermetaphern, die weder lustig noch klug sind. »Every Day Is a Miracle« ist ein Stück, das ­einen an Byrne zweifeln lässt. Die Musik im Hintergrund dudelt, als entspringe sie einem Kinderlied zum Mitschunkeln. Es geht um Penisse von Affen und Gehirne von Hühnern. Im Refrain wird es vollends gaga. Byrne johlt »Every Day Is a Miracle« und die unschöne Schlageraffinität ist plötzlich wieder da. Zum Glück durchbrechen zischende Hintergrundgeräusche dieses schaurige Spiel. Es handelt sich beim Urheber schließlich immer noch um das ­Mastermind der Talking Heads.

»American Utopia« entwickelt sich wegen solcher Ausfälle zu einem durchwachsenen Album, das die Genialität Byrnes, aber auch dessen Grenzen abbildet. Nur eine richtige Utopie fehlt. An ihrer Stelle gibt es den Hauch einer Idee, die aber letztlich zu unkonkret bleibt. Es ist regelrecht spürbar, dass die Musik Byrne zwar noch immer wichtig ist, aber im Hinterkopf all die anderen Projekte herumschwirren. Das führt dazu, dass der »Reasons to Be Cheer­ful«-Vortrag das weitaus stärkere Statement ist. Denn darin finden sich Erzählstränge wieder, die einen tatsächlich auf eine bessere Welt hoffen lassen, weil sie realer und greifbarer sind. Die Inhalte von »Reasons to Be Cheerful« in Kombination mit Byrnes musikalischer Experimentierfreude hätten zu einer realen Utopie in Form eines Albums führen können, doch diese Chance ergriff er nicht. Vielleicht ja in der Zukunft.

 

David Byrne: American Utopia (Nonesuch/Warner)